Rückblick: Die Bergwacht Schwarzwald im Einsatz bei der Flutkatastrophe 2021
„Was man sich vorstellen kann plus X“, so lautet meist die Antwort auf die Frage, was die Bergretterinnen und Bergretter bei ihren Einsätzen erwarte. Wie groß dabei das X sein kann, zeigte sich in den Tagen und Wochen nach dem 14. Juli 2021. Die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen führte zum größten und längsten Einsatz in der Geschichte der Bergwacht Schwarzwald. Herausragende Leistungen der Helferinnen und Helfer haben sich dabei ebenso gezeigt wie die Grenzen des menschlich Möglichen.
Die Medien hatten am späten Mittwochabend begonnen, über heftige Regenfälle im Westen Deutschlands zu berichten. Wenig später erreichte den Leitungsdienst der Bergwacht ein Anruf aus Stuttgart: „Das Lagezentrum im Innenministerium hier, guten Abend. Das Land Rheinland-Pfalz benötigt Unterstützung bei einer Unwetterlage.“ Das Ausmaß des Schadens war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar und zeigte sich erst Tage später: Mehr als 130 Menschen hatten in Folge der gewaltigen Flut ihr Leben verloren, etwa 800 Personen wurden verletzt, Tausende wurden obdachlos und weite Teile der Infrastruktur in den betroffenen Gebieten wurden komplett zerstört.
Mit dem aufkommenden Tageslicht am darauffolgenden Morgen startete eine Maschine der DRF Luftrettung gemeinsam mit einem Rettungsspezialisten Helikopter der Bergwacht nach Nordrhein-Westfalen. Zeitgleich lief mit dem Einholen erster Lageinformationen und der Erstellung von Kräfteübersichten die Einsatzplanung des Leitungsdienstes an.
Der Einsatzbefehl für weitere Kräfte der Bergwacht kam am Samstagabend. Ausgerüstet mit hochgeländegängigen Einsatzfahrzeugen, All-Terrain-Vehicles (ATV) und Drohnen brachen 15 Bergretterinnen und Bergretter am nächsten Morgen auf zum Treffpunkt um 10:00 Uhr in Bruchsal. Gemeinsam mit den Berufsfeuerwehren Stuttgart, Reutlingen, Mannheim und Heidelberg bildeten sie die Mobile Einsatz-Führungsunterstützung (MoFüSt), die Erkundungsaufträge für den Stab in Bad Neuenahr-Ahrweiler übernehmen sollte.
Nach mehrstündiger Fahrt, Bezug der notdürftigen Unterkunft und dem Aufbau der Einsatzmittel auf dem Gelände der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BABZ) oberhalb von Bad Neuenahr-Ahrweiler wurden die Einsatzkräfte in die Schadenslage eingewiesen.
Berichte von unpassierbaren Straßen, eingestürzten Brücken, Erdrutschen, Toten und vermissten Personen in schwierigem Gelände ließen bereits erahnen, dass eine sehr große Bandbreite an Einsatzoptionen des Bergrettungsdienstes gefordert sein würde. Erste Einsatzaufträge bestätigten diese Einschätzung und zeigten eindrücklich, welche Dimensionen sich in diesem unfassbaren „plus X“ verbergen können.
Die Erkundung im gesamten Schadensgebiet sowie die Erstellung eines Lagebildes für den Stab bildeten den Hauptauftrag für die erstmals in dieser Besetzung zusammenarbeitende Mobile Einsatz-Führungsunterstützung (MoFüSt). Erfahrene Einsatzleiter der Berufsfeuerwehren und der Bergwacht übernahmen gemeinschaftlich die Führung der Einheit. Gemischte Trupps aus Feuerwehrmännern, -frauen, Bergretterinnen und Bergrettern erreichten mit speziellen Geländefahrzeugen und mobilen ATVs auch abgeschnittene, schwer zugängliche Ortschaften.
Lageerkundung mit Drohnen
Die bei diesem Einsatz zum ersten Mal in größerem Umfang in den Einsatz gebrachten Drohnen erwiesen sich als hochwertige Hilfsmittel und ermöglichten die Übermittlung von Luftbildern und Videos an den Stab. Rettungsspezialisten Helikopter der Bergwacht konnten mit Maschinen der Bundeswehr noch nicht erkundete Bereiche anfliegen, verlässliche Informationen vor Ort sammeln und für den Stab aufbereiten. Darüber hinaus bauten die Trupps der MoFüSt wichtige Kontakte zu den Einsatzabschnittsleitungen und örtlichen technischen Einsatzleitungen auf, die im Verlauf des mehrwöchigen Einsatzes oft die wertvollste Basis für wichtige Maßnahmen waren. Parallel halfen die Einsatzkräfte aber auch bei kleineren und größeren medizinischen und technischen Notfällen.
Am 8. August endete der Einsatz der Bergwacht vor Ort nach drei Wochen und 4.896 Einsatzstunden, die in 72-Stunden-Schichten von 45 Bergretterinnen und Bergrettern geleistet wurden. Umfangreiche Aufräum- und Reinigungsarbeiten, Reparaturen und die Dokumentation des Einsatzes, aber auch die Aufarbeitung der Geschehnisse mit Experten der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) schlossen sich an.
Was kann Bergwacht leisten?
Die besonderen Qualifikationen und Ausbildungen, die die Bergretterinnen und Bergretter für ihre Einsätze im unwegsamen Gelände benötigen, haben sich auch im Rahmen von Großschadenslagen als wertvoll erwiesen: Die Verbindung von notfallmedizinischer und technischer Kompetenz wird nicht nur bei Ski- oder Wanderunfällen, sondern auch überall dort gebraucht, wo Infrastruktur nur teilweise oder gar nicht mehr nutzbar ist. Kompakte, schnelle und mobile Einheiten können unkompliziert alarmiert und zeitnah in den Einsatz gebracht werden. Hochgeländegängige Fahrzeuge, Luftretter und gut ausgebildete Einsatzkräfte, die auch autark arbeiten können, haben insbesondere in den ersten Phasen einer Katastrophe einen hohen Einsatzwert.






