Bergwacht Todtnauberg an der Rothausbahn
Warten auf Retter in luftiger Höhe

12703857Bernd Schneider, Tobias Wissler, Thomas Rung und Christian Rotzinger als Einsatz und Retterteam im Stützenfeld 6 mit dabei. Zu bergen galt es insgesamt 7 Fahrgäste auf 3 Sesseln im Stützenfeld verteilt.

Bericht der Badischen Zeitung.


Ein mit rund hundert Personen besetzter Sessellift, der sich weder vor noch zurück bewegen lässt, Dutzende Einsatzkräfte der Bergwacht, Pistenbullys und Motorschlitten im Dauereinsatz: Das war das Szenario einer Rettungsübung an der Rothausbahn in Fahl am Wochenende.
Luftiger Arbeitsplatz: Bevor der Bergwachthelfer zu den Passagieren vordringen kann muß er über das Dach des Sessel einsteigen | Foto: Thomas Frank TODTNAU-FAHL. Kurz nach dem offiziellen Betriebsschluss informiert Armin Savoy, Geschäftsführer des Alpin Centers, die 92 Fahrgäste auf den Liftsesseln über Lautsprecherdurchsage über einen technischen Defekt, der eine Weiterfahrt unmöglich macht. Die alarmierte Bergwacht eilt zu Hilfe und soll die Fahrgäste aus den Sesseln abseilen. "Bitte unterstützen Sie die Bergung indem Sie Ruhe bewahren und die Anweisungen des Bergungspersonals befolgen", tönt es aus den Lautsprechern entlang der Bahntrasse.
Keine angenehme Situation für die Passagiere. Dennoch herrscht in den Sesseln ausgezeichnete Stimmung. Alle sind eingeweiht und haben sich freiwillig gemeldet, an der Rettungsübung teilzunehmen. So wie Familie Gripp aus Karlsruhe. Sie haben durch Zufall am vergangenen Wochenende an der Infotafel von der Übung gelesen und sich spontan angemeldet. "Wir freuen uns auf dieses Erlebnis, Angst haben wir keine", so die dreiköpfige Familie einstimmig.
Glühwein verkürzt die Wartezeit
12703236Der Ablauf wurde zuvor von Armin Savoy bekannt gegeben. So bereiteten sich alle auf ihre Art auf die Wartezeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte vor. Todtnaus Hauptamtsleiter Hugo Keller hat seinen Rucksack prall gefüllt um seine Begleiter mit einem Tiroler Vesper zu versorgen. Andere haben Tee und Glühwein dabei. Tragbare DVD-Spieler sind ebenso vertreten wie Mini-Laptops. Von einem Sessel kann man sogar die Liveübertragung eines Fußballspiels hören. Andere genießen einfach nur die abendliche Stille. Die milden Temperaturen sorgen dafür, dass niemand frieren muss.
Gemütliche Runden: Gesellig ging es in den Sesseln während der Übung zu. Man vertrieb sich die Zeit mit plaudern oder lesen!
Zehn Bergwacht-Gruppen sind im Einsatz
Für die Rettungskräfte beginnt mit dem Stillstand der Bahn die Arbeit. Es gilt einen engen zeitlichen Rahmen einzuhalten. Aufgrund der großen Anzahl an zu rettenden Personen werden zehn Ortsgruppen der Bergwacht Schwarzwald alarmiert. Die Einsatzleitung richtet sich in der Bergrettungswache Hebelhof ein. Von dort aus werden unter der Regie von Uwe Männel, Leiter Bergrettungsdienst der Bergwacht Schwarzwald, die 62 Helferinnen und Helfer koordiniert. Mit Pistenbullys fahren sie zu den einzelnen Sektionen der Bahn. Das Alpin Center unterstützt die Retter mit Personal und Material. Die Kräfte des Oberen Wiesentals und der Bergwacht Bernau finden sich im Bereich der Talstation in Fahl ein, die anderen Ortsgruppen sammeln sich an der Bergrettungwache Hebelhof.
Stromausfall ist kein Problem
"Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario einmal Realität wird, ist glücklicherweise sehr gering", so Betriebsleiter Manfred Tschirner vom Alpin Center. Sollte der Strom ausfallen, kann auf einen kraftstoffbetriebenen Notantrieb zurückgegriffen werden. Und wenn selbst dieser versagt, lässt sich meist immer noch die Schwerkraft nutzen und der Sessellift kann rückwärts fahren. "Eine Seilentgleisung wäre eine Möglichkeit, bei der wir nichts mehr machen können", berichtet Tschirner weiter. Dann käme wie bei der Übung die Bergwacht zum Einsatz. Diese üben solche Situationen regelmäßig an den verschiedenen Seilbahnen im Schwarzwald.
Retter arbeiten sich Sessel für Sessel vor
12703261Der letzte "echte" Einsatz im Feldberggebiet liegt bereits mehrere Jahrzehnte zurück. Theoretisch könnte die knapp eineinhalb Kilometer lange Bahn im Winter mit 196 Personen besetzt sein. Viel Arbeit für die ehrenamtlichen Helfer der Bergwacht Schwarzwald. Sessel für Sessel arbeiten sie sich durch die ihnen zugewiesenen Stützenfelder. Nichts für Leute mit Höhenangst. Dies gilt sowohl für die Fahrgäste als auch für die Retter.
An der höchsten Stelle müssen die Fahrgäste aus rund 16 Metern abgeseilt werden, die Stützen, über welche die Helfer auf das Seil gelangen, sind deutlich höher. Mittels einem Seilfahrgerät bewegen sich die Bergwachthelfer auf dem 45 Millimeter dicken Drahtseil vorwärts. Zusätzlich können bei entsprechenden Witterungsbedingungen noch Luftretter der Bergwacht zum Einsatz kommen, die vom Hubschrauber aus zu den Passagieren gelangen.
Abseilen per Gurt und Umlenkrolle
An den Sesseln angekommen, werden die Insassen zunächst gesichert und mit einem Dreiecksgurt versehen. Die Helfer am Boden können die Passagiere dann über eine Umlenkrolle ablassen. Nach und nach können so alle Personen aus luftiger Höhe gerettet werden. Im Übungsfall scheint das allen Spaß zu machen: Ein Junge verkündet nach seiner erfolgreichen Rettung, der Lift könnte ruhig öfters stehen bleiben.
Joachim Schäfer von der Landesbergdirektion des Regierungspräsidiums Freiburg verfolgte den Ablauf der Übung genau. Seine Behörde überwacht unter anderem die Sicherheit der Seilbahnen im Land und ordnet auch diese regelmäßigen Übungen an. Mit dem Ablauf zeigte er sich zufrieden, die geforderte Frist von zwei Stunden konnte eingehalten werden.
Zur Belohnung gibt’s Gutscheine
Auf sicherem Boden angekommen nehmen Bergwacht und Liftpersonal die Fahrgäste in Empfang. Von dort gelangen sie mit Pistenraupen zur Talstation. Ein weiteres Erlebnis, insbesondere für die jungen Passagiere. Zum Dank spendiert das Alpin Center allen die mitmachten in der Pistenbullygarage einen kleinen Imbiss und eine Tageskarte für die Skilifte. Auch Familie Gripp kommt heil wieder am Boden an und kann sich mit neuen Eindrücken und Erlebnissen von "ihrem" Hausberg auf den Weg zurück nach Karlsruhe machen. Bei der nächsten Übung wollen sie unbedingt wieder dabei sein. Und sie sind nicht die Einzigen.