Seilbahnrettung

Hochseilartistik an Gondeln?

Die Seilbahnrettung ist ein Spezialfall der Höhenrettung. Seilbahnunglücke oder der Stillstand einer Bahn sind extrem selten. Dennoch muss auch für diese Fälle Vorsorge getroffen werden. Die Bergwacht Schwarzwald stellt zusammen mit den Betreibern von Liftanlagen und Seilbahnen die Rettung der Gäste sicher. Die Seilbahnrettung wird – wie die Befähigung zur Höhenrettung – vor allem in Ausbildungen auf Landesebene vermittelt, da die Abläufe komplex sind und der Retter auf sich allein gestellt ist.

Geschichte der Seilbahnrettung

Als im Jahr 1970 das Landesbergamt Baden-Württemberg als zuständige Aufsichtsbehörde für Seil- und Bergbahnen die Genehmigung zum Betrieb der Schloßbergbahn erteilte, tauchte eine Frage auf, die sicherlich schon öfter, meistens im Spaß, von Fahrgästen in Kabinen diskutiert wurde: Wie kommen wir hier raus, wenn die Bahn stehen bleibt? Bahnen, die zur Personenbeförderung zugelassen sind, haben zwar eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten, die Bahn bei einem Ausfall der Antriebstechnik mit Notantrieben zu evakuieren; bei Bergbahnen in den Alpenländern hat es sich jedoch herausgestellt, daß es technische Defekte gibt, bei denen auch ein Notantrieb keine Hilfe mehr bringt und letztendlich eine Rettung der Fahrgäste aus den Gondeln oder Sesseln notwendig wird. Das Seilbahnpersonal ist hier schlicht überfordert und die Feuerwehren können mit ihren Drehleitern im Gelände ebenfalls nicht agieren. Der richtige Partner muß im Umgang mit Seil und Gerätschaften zur Personenbergung ausgerüstet und erfahren sein. So fiel die Wahl schnell auf die Bergwacht.

Die Aufgabe war eine neue Herausforderung. Die Luftretter hatten gleich die richtige Idee. Hubschrauber anfordern – absetzen auf dem Kabinendach – rein in die Kabinen – den Passagieren Klettergurte anziehen – abseilen – fertig. Doch so einfach war das Ganze dann doch nicht. Problematisch war zunächst, vom Kabinendach in die Kabinen zu steigen. Kleinkabinenbahnen haben generell keine Luken im Dach, die von außen zu öffnen sind. Also hieß es: abseilen vom Dach aus vor die Türe und diese von außen öffnen. Dabei durfte man den Schlüssel nicht vergessen. Das nächste Problem waren die Passagiere. Kleinkinder bis hin zu Senioren konnten in den Kabinen sitzen und mußten abgeseilt werden. Undenkbar, diesen Leuten in der schwankenden Kabine bei offener Türe Klettergurte anzuziehen und sie durch die Türe nach außen und unten zu befördern. Panik wäre in diesem Fall vorprogrammiert. Auch hier kam eine Idee auf: Bergesack in stehender Ausführung. Eine überdimensionale "Einkaufstüte" wurde genäht, geprüft und war letztendlich die brauchbare Lösung. Mittlerweile werden die großen Säcke durch einfach zu bedienende Rettungssitze ersetzt.

Nun kam der berechtigte Einwand, was zu tun wäre, wenn aufgrund von Nebel oder tiefliegender Wolkendecke kein Flugwetter sei. An diesem Punkt begann nun die eigentliche Hochseilartistik. Der Retter rutschte von der nächstgelegen Stütze am Tragseil hängend mittels Karabiner Richtung Kabine. Das war mühsam und beschwerlich. Die Techniker der Ortsgruppe Freiburg gingen das Problem an und so entstand nach zwei Prototypen ein Seilbahnbergungsgerät, das – mit zwei Rollen ausgerüstet – auf das Tragseil gesetzt werden und mit dessen Hilfe der Retter unter Seilsicherung von der Stütze aus sicher und bequem zur Gondel abfahren konnte. Ab 1975 hatte die Ortsgruppe Freiburg somit eine sichere Bergungsmethode entwickelt, die es gestattet, bei ausreichender Bergungsausrüstung und bei jedem Wetter in angemessener Zeit eine eventuell vollbesetzte Bahn zu räumen. Das Landesbergamt als Aufsichtsbehörde war von dieser Technik überzeugt und verlangte fortan von allen Seilbahnbetreibern in ihrem Aufsichtsbereich, entsprechende Übungen durchzuführen und den Nachweis zu erbringen, dass die Bahnen in angemessener Zeit geräumt werden können. Die Bergwacht war von nun an Partner der Sesselbahnen Seebuck (Feldberg), Hasenhorn (Todtnau), Steinwasen (Oberried), Baiersbronn und der Kabinenbahnen Schloßberg und Schauinsland in Freiburg. Die Rettungstechnik an den Sesselliften wurde durch den Einsatz von Teleskopbergestangen noch verbessert. An befahrbaren Teilen kann auch die Feuerwehr mit Drehleitern eingesetzt werden; bei Flugwetter können mittels Hubschrauber zügig Retter an den Kabinen abgesetzt werden.

Schauinslandbahn Als 1981 die Schauinslandbahn von ihren Großkabinen mit Schaffner auf schaffnerlose Kleinkabinen umstellte, wurde die Bergwacht Schwarzwald in vorbildlicher Weise von Anfang an bei der neuen Kabinenkonstruktion mit einbezogen. So konnten an den neuen Gondeln hinsichtlich der Bergungstechnik entscheidende Konstruktionsverbesserungen und Ergänzungen von der Dacheinstiegsluke bis hin zu Verankerungsbügeln für die Abseilgeräte verwirklicht werden. Die Schauinslandbahn beschaffte Bergungsmaterial für die jeweilige Anzahl von Kabinen im Stützenabschnitt; zusätzlich wurde auf jeder Stütze eine Seiltrommel mit 7 mm dickem Kevlarseil zur Sicherung des Seilbahnbergungsgerätes beim Abfahren auf dem Tragseil deponiert. So waren optimale Vorkehrungen für einen möglichen Bahnstillstand getroffen. Nach einem einjährigen Probebetrieb forderte die Aufsichtsbehörde eine Großübung. Es mußten an 20 Kabinen, die mit teilweise bis zu elf Personen besetzt waren, ingesamt 130 Personen geborgen werden. Die BWS bewältigte dies in einer Zeit von nur 2 1/2 Stunden. Nachdem dieser Beweis auch noch erbracht war, konnte der Bahn die endgültige Betriebserlaubnis für einen schaffnerlosen Betrieb bei Kabinen mit elf Personen erteilt werden.

Rettungsmethoden

Im Einsatzfall wird der EvD (Einsatzleiter vom Dienst) der Bergwacht Schwarzwald informiert. Dieser lässt anhand der Bergepläne die entsprechenden Ortsgruppen alarmieren, die sich dann in definierten Bereitstellungsräumen zur Verfügung stellen. Es wird eine Einsatzleitung gebildet, die direkt mit der Betriebsleitung der Bahn und anderen Rettungsdiensten und der Polizei zusammenarbeitet. Die einzelnen Schnelleinsatzgruppen fahren die zugewiesenen Einsatzabschnitte an. Die Bahn wird gesichert und spannungsfrei geschaltet. Dann kann je nach Wetter die Rettung mittels Abfahren von den Stützen zu den unterhalb liegenden Kabinen oder zusätzlich per Hubschrauber erfolgen. Ein Stützenfeld wird in der Regel von drei Personengruppen betreut: Die Stützenmannschaft bereitet das Material auf den Stützen vor und lässt den Retter zu den unterhalb liegenden Kabinen ab. Der Retter fährt zu den Kabinen, klettert zu den Bahngästen, sichert diese und lässt sie auf den Boden ab, wo sie von der Bodenmannschaft betreut, registriert und zu den Sammelplätzen gebracht werden. Zum Schluss schließt der Retter die Kabinentür, seilt sich von der Bahn ab und zieht das Seil ab. Wenn alle Retter von der Bahn abgeseilt haben, kann die Bahn wieder eingeschaltet werden.

Neben den Ausbildungen wird einmal jährlich eine Gemeinschaftsübung an einer der betreuten Bahnen organisiert, die sowohl den Ablauf an den einzelnen Sesseln oder Kabinen als auch die Gesamtorganisation auf die Probe stellt. Ein großer Teil des Rettungsmaterials ist auf der Bergrettungswache Hebelhof (Bergwacht Todtnau) eingelagert und wird im Einsatzfall an die betreffende Bahn gebracht.

Hinweise für Liftbenutzer

Wie schon erwähnt, ist ein dauerhafter Bahnstillstand sehr selten. Bewahren Sie auf jeden Fall Ruhe. Das ist für alle Beteiligten das Beste. Im Rahmen der allgemeinen Prävention ist es jedoch sinnvoll, ausreichend Kleidung mitzunehmen, da die Rettung aus einer Gondel durchaus zwei Stunden dauern kann. Bei nasskaltem Wetter kann dies sehr lange sein. Wir appellieren eindringlich, bei einem Bahnstillstand nicht abzuklettern oder vom Sessel herunterzuspringen. Das Verletzungsrisiko ist dabei sehr hoch.

Links zu den Bahnen und Liftanlagen