Baumlandung - Prävention und Reaktion
Gleitschirm - und
Drachenfliegen sind
keine ungefährlichen Sportarten. Man kann natürlich diskutieren, an welcher Stelle der Risikoskala
diese Sportarten stehen - sicher ist, dass nichts sicher ist. Angefangen beim verdrehten Knöchel,
wenn man beim Startlauf über einen Maulwurfhügel stolpert über die Baumlandung mit wenigen Kratzern
bis hin zu lebensgefährlichen Abstürzen oder Todesfällen ist alles schon vorgekommen.
Eine Baumlandung stellt an sich kein tragisches Ereignis dar. Die meisten Piloten
sind nach der Landung im Baum unverletzt - von kleineren Blessuren abgesehen. Problematisch,
geradezu lebensgefährlich wird die Situation, wenn der adrenalinüberflutete Bruchpilot den Helm
abzieht, aus dem Gurtzeug absteigt und ohne Sicherung abklettert. Hierbei sind schon tödliche
Abstürze passiert. Auch aus wenigen Metern kann man so abstürzen, dass man sich den Hals bricht
oder querschnittsgelähmt ist. Beim Abklettern stellt sich meist das Problem, dass Bäume nach unten
meist dicker werden und über immer weniger Äste verfügen, an denen man sich festhalten kann. Trotz
dieser auch für den durchschnittlich begabten Menschen nachvollziehbaren Erkenntnis geschieht es
regelmäßig, dass nach Baumlandungen abgeklettert wird. Fehlender Handyempfang ist kein Grund dafür,
von dieser lebensrettenden Regel abzuweichen - lieber eine kalte Nacht sicher im Baum verbracht als
eine kalte Nacht mit schweren Verletzungen auf dem Boden verbracht. Aus diesem Grunde auch an
dieser Stelle der monotone, immer wieder gleiche und oft wiederholte Appell: "NICHT
ABKLETTERN!".
Prävention
Zur Prävention von Baumlandungen im weiteren Sinn gehört zum einen, auf eine solche
vorbereitet zu sein, zum anderen der triviale Tipp, den Abstand zu den Bäumen zu wahren:
a) Vorbereitung:
- Die
Rettungsschnur , welche die meisten Flieger bei "Scheinerteilung" bekommen haben, muss
zwingend griffbereit mitgeführt werden und sollte auch gegen Herunterfallen gesichert sein (am
besten das eine Ende am Gurtzeug/Overall verknoten). Die Schnur muss einsatzbereit sein (Gewicht
drangeknotet). Mit der Rettungsschnur wird der Bergwacht die Arbeit deutlich erleichtert.
-
Kommunikation : Funktionierendes, geladenes Handy oder Funkgerät erleichtert den Notruf.
Man kann durch einen Anruf bei Rettungsleitstelle/Polizei/Bergwacht auch die unnötige Anfahrt von
vielen Blaulichtautos verhindern, wenn es nur um eine Baumrettung eines unverletzten Piloten geht.
Das Telefon sollte griffbereit sein und nicht in der untersten Ecke des Gurtzeugs verstaut werden.
-
Eigensicherung : Nicht immer hängt man sicher im Baum. Um einem Absturz vorzubeugen,
sollte man z.B. Bandschlinge, Karabiner oder ähnliche Sicherungsmittel mitführen, um sich einen
sicheren "Hängeplatz" im Baum zu schaffen.
- Abseilmöglichkeit? In normal besiedelten Gebieten gibt es ja den Rettungsdienst, der im
Schwarzwald i.d.R. von der Bergwacht sichergestellt wird. In weniger dicht besiedelten Gebieten
oder schlechter Netzabdeckung beim Handy empfiehlt sich entsprechendes Abseilmaterial, u.a. für
Streckenflieger. Der Flieger sollte den Umgang mit diesem Material geübt haben, da schlussendlich
das eigene Leben dranhängt. Das Seil sollte schon 30m lang sein. Es können auch dünnere, leichte
Seile mitgeführt werden, man muss allerdings beachten, dass bei dünneren Seilen die Bremswirkung
beim Abseilen mit Karabiner/Achter oder anderen Abseilhilfen meist geringer ist! Vor dem Ernstfall
ausprobieren...
- Sonstige "Notausrüstung": Ausreichend Trinken, etwas zu essen (Energieriegel o.ä.),
Erste-Hilfe-Päckchen zur Eigen- oder Fremdversorgung, Kälteschutz. Gerade die Gefahren hochalpiner
Regionen werden bei schönen Aktionen wie einer "Marmolada-Toplandung" oft unterschätzt. Was mache
ich, wenn ich nach der Toplandung nicht mehr starten kann und absteigen/biwakieren muss? Aber wir
sind ja bei der Baumlandung...
b) Abstand von den Bäumen wahren: Leichter gesagt als getan. Es geht nicht nur um
den richtigen Abstand beim "Zapfenpflücken", in schwacher Thermik knapp am Hang kratzend... In
jeder Situation können Störungen am Fluggerät eintreten und ruckzuck ist man ein paar Meter tiefer.
Überschätzen des Fluggerätes, des eigenen Könnens, Falscheinschätzung der Wetterverhältnisse usw. -
dies alles sind Faktoren, die Unfälle und Baumlandungen wahrscheinlicher machen. Bei Südeinfluss
ist man am Schauinsland durch den Lee-Einfluss z.B. recht schnell in den Bäumen.
Reaktion
Was mache ich, wenn der Weg in die Bäume doch unausweichlich ist? Falls möglich,
sollte man sich einen stabilen Baum aussuchen und diesen ansteuern. Vor dem Einfliegen in die Krone
die Extremitäten einziehen und das Gesicht schützen. Nach dem Einschlag greift man sich den
nächsten stabilen Ast und checkt die Lage. Falls diese Lage instabil erscheinen sollte, empfiehlt
sich eine Selbstsicherung. Falls kein Sicherungsmaterial (s.o.) vorbereitet war, nimmt man die
Rettung (falls noch nicht geworfen) und schlingt diese ein paar Mal um den Baum. Helm bitte
auflassen, das macht sich bei einem ungewollten Abgang besser. Etwas Aufatmen tut gut, Gedanken
sortieren, entspannen. Bitte Kurzschlussreaktionen vermeiden, vor allem nicht ungesichert
abklettern. Es ist besser, ein paar Stunden mit Langeweile im Baum auf die Rettung zu warten als
einen Flugtag mit einer Querschnittslähmung, polytraumatisiert oder tot auf dem Waldboden zu
beenden. Mit der Rufnummer
112 bekommt man europaweit kostenfrei in allen Mobilfunknetzen eine Verbindung zu
einer Rettungszentrale. Dies ist nicht immer die nächste Rettungsleitstelle, sondern kann auch die
Polizei oder Feuerwehr sein. Je nachdem, in welches Netz und welche Basisstation man mit dem Handy
eingebucht ist, liegt dieser Ansprechpartner recht weit weg vom Unfallort. Man sollte somit den
eigenen Standort (und am besten noch den Anfahrtsweg) möglichst genau angeben können.
GPS-Koordinaten sind auch hilfreich; auf Rückfrage sollte man das Bezugssystem (meist WGS 84) und
die Koordinatenart angeben können. Der Pilot sollte mitteilen, ob er verletzt ist und seine
Handynummer für Rückfragen angeben. Zum Thema Handy-Ortung ist der
Life
Service der Björn Steiger Stiftung interessant.
Die Bergwacht Schwarzwald bzw. deren Einsatzleiter erreicht man auch unter der
Notrufnummer
0761 / 49 33 33.
Wenn die Bergwacht vor Ort ist, kann man die Rettungsschnur herunterlassen und ein Seil
heraufziehen. In Absprache mit den Rettern kann man weiteres Material heraufziehen und eine
Sicherung in einer stabilen Astgabelung legen. Meist verwendet man dazu eine Bandschlinge und einen
Karabiner. In Zusammenarbeit mit dem Retter wird man abgelassen. Danach wird der Schirm geborgen.
Die Bergwacht versucht, hierbei möglichst wenig zusätzliche Schäden zu verursachen.
Beitrag "
Nicht Abklettern! - Hinweise zur Prävention und Unfallsicherheit bei
Baumlandungen",
René Kieselmann, DHV-Info Nr. 158
(2009), S. 48–49. Ein Dank an den
DHV für die Publikationsgenehmigung.
Die
Versicherung
des
DHV übernimmt übrigens die Bergungskosten der
Bergwacht - allerdings nur, wenn auch der Pilot geborgen wird. Reine Schirmbergungen muss man
i.d.R. selbst zahlen.
René Kieselmann (Mailkontakt)
Leiter Bergrettungsdienst
Bergwacht Freiburg
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